„Ach.. bis morgen werde ich nicht so viel Reichweite verlieren. Das reicht noch bis zur Ladestation!“ – Ein klassischer Satz wagemutiger E-Mobilisten, wie ich einer bin. Ich habe leider keinerlei Möglichkeit Zuhause mein Model 3 zu laden, aber das brauchte ich bis dato auch gar nicht, denn quasi „direkt vor der Haustür“ habe ich eine Ladestation welche mit bis zu 50kw mein Auto mit Strom füttert. Blöd nur, wenn diese einmal ausfällt.

Der Horror nach dem Urlaub

Es ist Anfang November, ein Flug nach Ägypten steht an und für mich bedeutet dies das erste mal eine weitere Strecke mit dem Model 3. „Weitere Strecke“ steht in dem Fall für gut 130 Kilometer, eigentlich doch nicht so weit, wenn man so möchte, aber ich hatte mich erst kürzlich mit dem Thema „Vampirverluste“ auseinandergesetzt und mir war durchaus etwas mulmig in der Magengegend, bei dem Gedanken daran, dass mein Auto acht Tage lang irgendwo auf einem Parkplatz in der Kälte steht. Wie viel %-Reichweite würde ich wohl verlieren? Jetzt, bei den kalten Tagen sehe ich häufig 2% Verlust über Nacht, rechne ich das auf den Tag hoch, wäre ich bei 4-5%, mal 8 Tage.. wow! Ich ging nicht davon aus, dass der Verlust so hoch sein wird, aber man weiß ja nie.

Die Strategie war klar: Ich pumpe die Batterie voll, fahre zum Flughafen, halte unterwegs und lade noch mal zügig nach und dann wird die Batterie schon halten. Daraus wurde nur leider nichts. „Meine“ Ladestation zeigte bereits drei Tage vor Abflug „Außer Betrieb“ an und an den langsamen 11kw Ladern vom Supermarkt, würde ich mein Model 3 niemals voll laden können. Die Hoffnung, dass die Ladestation einen Abend vor dem Abflug wieder funktionieren würde, war zwar da, aber wurde dann leider doch nicht bestätigt. Mit ca. 75% machten wir uns dann auf den Weg zum Frankfurter Flughafen – Mein Ungutes Gefühl beruhigte ich mit dem Wissen, dass wir an „Wetterau West“ ja Laden können, da dort ein Lader von E.ON steht. Nun, der funktioniert leider nicht so gut, und als es dann endlich losging auch nur mit 20kw. Wir hatten Zeitdruck, kalkulierten unsere Ladezeit also sehr eng und fuhren los. Unterm Strich parkten wir mit 41% und nach acht Tagen waren noch 33% in der Batterie. Die ganze Sorge war also unbegründet.

Der Rückweg mit Stolpersteinen

Selbstverständlich hatte ich mir vor der Heimreise bereits Gedanken gemacht, wann ich wo laden werden. Den ganzen Krempel kann man total vergessen, wenn du auf dem Heimweg feststellst, dass wichtige Straßen plötzlich gesperrt sind. In meinem Fall war es ein Abschnitt der A5. Ich kam zwar noch an einen Lader. aber ein Gutes Gefühl hatte ich permanent nicht.

Niedergeschlagen vom Rückflug und dem ganzen Stress die solch eine Reise mit sich bringt, gepaart mit meinem Optimismus, lud ich das Auto nicht ausreichend um die kommenden zwei Tage auch noch zu überstehen, sondern nur nahezu soviel, wie ich brauchte um nach Hause zu kommen. Ein Fehler, den ich so nie wieder machen werde. Ich ging davon aus, dass „meine“ Ladestation wieder funktionieren würde und wenn nicht, dann fahre ich einfach langsam zum nächstgelegenen Supercharger. „Ach.. bis morgen werde ich nicht so viel Reichweite verlieren. Das reicht noch bis zur Ladestation!“, dachte ich.

Panik! Nicht genügend Restreichweite

Morgens zerwühlt und noch geschafft vom vorherigen Tag, machte ich mir erst einmal einen Cappuccino und prüfte die Nachrichten. Dann, irgendwann, fiel mir ein „Oh.. der Ladestand war ja nicht mehr so grandios. Ich sollte mal die Kapazität checken.“. Und dann traf es mich, wie ein Blitz – Noch 6% Restreichweite. Die würden zwar natürlich bis zu meiner Ladestation reichen, aber was wäre, wenn diese weiterhin außer Betrieb ist. Was wäre, wenn ich plötzlich wirklich bis zum Supercharger fahren muss? Würde das reichen? Käme ich noch an? Ich schwang mich in mein Auto, fuhr zur Ladestation und als ich das Schild „Außer Betrieb“ lesen konnte, wurde mir leicht schwindelig. Jetzt hieß es, keine Zeit verlieren und schauen wie du an Strom kommst. Fix gab ich die Route in das Tesla-eigene Navi ein und starb direkt einen kleinen Tot.

Mit -2% würde ich die Ladestation erreichen. MINUS 2% – Das war ein Schock. Ich war mir nicht sicher, was ich tun sollte. Für Experimente war keine Zeit, es war klar, dass wenn ich versuchen würde den Supercharger zu erreichen, dann muss es jetzt sein. Kein weiterer Umweg mehr. Ich hatte mal gesehen, dass so ein wenig Strom auch nach 0% noch übrig ist und mir war bewusst, dass ich durch langsames fahren noch ein wenig Kilometer gut machen kann. Also fuhr ich los.

Ende gut, alles gut

Nachdem ich super langsam und „rekuperierend“ gefahren bin, kam ich mit 1% am Lader an. Zwischenzeitlich sprang die Anzeige auch auf 0%, ließ mich aber weiterfahren – In diesem Augenblick dann mit dem Herz in der Hose.

Mit erschrecken stellte ich während meiner ganzen Fahrt fest, dass es für E-Autos eine extrem niedrige Akzeptanz gibt. Ich wurde mehrfach angehupt oder aber mit der Lichthupe penetriert. Stellenweise hatte ich den Warnblinker an, aber das schien niemanden zu interessieren. Es mag vielleicht an mangelnder Kenntnis über E-Autos liegen, aber wie frech manche Menschen sind, damit hatte ich nicht gerechnet. Mein absoluter Liebling: Ein Model X (!!!) der mir beim Überholen noch den „Vogel“ zeigte.

Ich habe innerhalb einer Woche, vier wichtige Dinge als E-Auto Fahrer gelernt:

  1. Vampirverluste sind ein Problem, aber nicht so extrem wie man vermutet.
  2. Die Performance eines Model 3 ist wirklich gut, aber bewusstes fahren ist die tatsächliche Königsdisziplin.
  3. Als E-Mobilist bist du Teil einer Elite und wirst nur selten akzeptiert.
  4. „Ach, wird schon schiefgehen“ kann auch mal schiefgehen!

In diesem Sinne, wünsche ich euch allen gute Fahrt und volle Akkus! 😉

Anm.:
Geistesgegenwärtig habe ich mittendrin mein Smartphone gezückt und auf „Aufnahme“ gedrückt. Wer das Schauspiel mit erleben möchte, der kann dies hier tun:

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